Finding God Before God Finds Me Cover

Bad Omens – Finding God Before God Finds Me

Mit seinen Einflüssen als Musiker offen umzugehen ist erstmal keine Schande. Im Gegenteil, es ist kaum möglich, Musik zu machen ohne sich an dem zu orientieren, was man selbst gerne hört. Ich hätte persönlich Schwierigkeiten damit, all die Bands aufzuzählen, die sich in ihrem Sound an Gruppen wie Every Time I Die oder The Chariot orientieren. Und das zurecht, schließlich handelt es sich bei diesen Bands um großartige Musiker. Kritisch wird es nur, wenn die Einflüsse so stark ausgespielt werden, dass eine Band quasi keinen eigenen Sound mehr produziert.

“Finding God Before God Finds Me” beginnt erstmal ziemlich vielversprechend: Der Opener “Kingdom of Cards” ist eine Rock-Nummer, die es mit ihren hallenden Drums, primalen Gangshouts im Hintergrund und abwechselnd drängend-kratzenden und sanft geschmachteten Vocals eine ziemlich epische Atmosphäre aufbaut. Da ist es fast verzeihbar, dass das Buildup der ersten zwei Minuten gegen Ende nicht ganz die Energie entfaltet, die am Anfang versprochen wurde. Ein bisschen erinnert das an den Opener des Hands Like Houses-Albums letztes Jahr. Auch hier wurde mit “Kingdom Come” ein großer Sound angekündigt – und dann floss das Album den Rest seiner Laufzeit größtenteils konsequenzlos vor sich hin.

Ganz so schlimm ist es auf “Finding God Before God Finds Me” nicht, allerdings zeigt sich ab dem zweiten Song “Running in Circles” ein ganz anderes Problem: Die Band klingt wie Bring Me The Horizon. Und ich meine damit nicht, dass man die Einflüsse irgendwo heraushört. Einige der Songs ähneln strukturell so stark dem Sheffielder Pop-Act, dass man sie in “Sempiternal” oder “That’s The Spirit” in die Tracklist reinwerfen könnte, ohne das jemand im Vorbeigehen einen Unterschied erkennen würde. Die Hook in “Careful What You Wish For” beispielsweise klingt so stark nach “Throne”, dass es beinahe gruselig ist. Und “The Hell I Overcame” zeigt so viele Ähnlichkeiten zu “The House of Wolves”, dass ich beim ersten Hören kurz dachte, ich würde den falschen Song hören – zumindest bis die durch gregorianische Chorale beeinflussten Gangshouts im letzten Drittel eingeführt wurden. Und “Mercy” ist so offensichtlich von “And The Snakes Start To Sing” inspiriert, dass man stellenweise die Vokalspuren vertauschen könnte, ohne, dass es deplatziert wirken würde. Es wirkt ein wenig so, als hätten Bad Omens erkannt, dass einige Metalcore-Fans enttäuscht von der kürzlichen Entwicklung der Sheffielder Band um Oli Sykes waren und sich entschieden, diese Lücke zu füllen.

Es hat ja beinahe etwas bewundernswertes, dass die Kalifornier den Sound der Briten so genau auseinandergenommen haben, dass sie eine derart überzeugende Kopie liefern können. Doch selbst wenn die Songs an sich sehr gut geschrieben sind – man hat sich dafür schließlich ein gutes Vorbild gesucht – so wird die ganze Erfahrung doch ziemlich davon überschattet, dass die Ähnlichkeiten so unverkennbar sind. Ich habe mich beim Hören dabei ertappt, Elemente in Songs zu suchen, die nicht nach Bring Me The Horizon klingen. In gewisser Weise ein kleines “Wo ist Waldo?”-Suchspiel.

Dabei sind Bad Omens an sich keine untalentierten Musiker. Bereits auf ihrem Debüt-Album ließ sich einiges an Einflüssen heraushören, dort schufen sie allerdings noch einen Sound, der individuell genug klang, um nicht wie eine 1:1-Kopie zu klingen. Und auch auf “Finding God Before God Finds Me” sind einige Songs, die individuelles Songwriting-Talent demonstrieren. Neben dem Opener sei da der härteste Song des Albums “Dethrone” (ist auch das eventuell eine BMTH-Referenz?) und das sehr eingängige “Said & Done” genannt, welches auch ein absolut spaßiges, wenn auch kurzes, Gitarren-Solo enthält. Hier gibt sich die Band sichtlich Mühe, die Möglichkeiten des Sounds auszuschöpfen und meiner Meinung nach gelingt das auch ziemlich gut.

Letztlich fehlt es “Finding God Before God Finds Me” aber schlicht an Individualität, um aus dem Schatten seines offensichtlichen Einflusses herauszutreten. Wer sich allerdings vom Song “heavy metal” des neuesten Bring Me The Horizon-Albums angesprochen fühlte, wird mit diesem Album ein absolutes Fest haben. Vielleicht reicht das ja für Bad Omens, um sich eine Fanbase zu erspielen.

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