The Side Effects Cover

REVIEW: Coldrain – The Side Effects

Im Jahr des Herrn 2014 hatte ich ein Ticket für eine Europa-Tour von Bullet For My Valentine. Ich war schon damals kein sonderlich großer Fan der Waliser Band, allerdings waren While She Sleeps als Support angesagt, was ich mir nicht entgehen lassen konnte. Aufgrund von Loz’ erster Stimmband-OP mussten Sleeps allerdings absagen. Als Ersatz wurde die japanische Post-Hardcore-Band Coldrain angekündigt. Die hatten damals gerade ihr drittes Album “The Revelation” veröffentlicht. Wirklich überzeugen konnten mich die Japaner allerdings damals nicht, weder auf Platte noch live. Jetzt sind immerhin fünf Jahre und drei Alben zwischen dem letzten Lebenszeichen, das ich von Coldrain wahrnahm vergangen. Ist das diese Woche erschienene “The Side Effects” also genug, um meine Meinung zu der Band zu ändern?

Die Antwort ist ein klares Jein. Zugute halten muss man den Japanern, dass ihr Sound auch heute noch genauso gut funktioniert, wie er das 2014 tat. Insgesamt gibt es auf “The Side Effects” weniger Shouts, als ich das erwartet hatte, was allerdings nicht wirklich ein Minuspunkt ist. Die Stimme von Sänger Masato ist durchdringend und klar, in einer sehr angenehmen Tonlage, die stilistisch bis ins symphonische geht. Von daher macht es Sinn, da zu kapitalisieren und nur hier und da mal einen harscheren Ton anzuschlagen. Allerdings ist Masatos Stimme auch das einzige wirkliche Alleinstellungsmerkmal des Albums. Instrumental bewegt sich “The Side Effects” in sehr gut ausgetretenem Terrain, mit vielen Chugs, relativ simplen Akkord-Progressionen und nur hier und da mal einem interessanten Gitarrenlead.

Diese sind allerdings teilweise etwas ungelenk in die Songs eingebaut, wie in “Coexist”, wo in der Bridge auf einmal ein Riff ausgepackt wird, das auf einem As I Lay Dying-Track nicht deplatziert wäre – das dann aber nach wenigen Sekunden wieder abbricht, um einem sehr minimalistischen Beat Platz zu machen, der die zweite Strophe unterlegt. Wenn man hier etwas gitarrenlastiger gearbeitet hätte, wäre der Song insgesamt deutlich interessanter gewesen, so wird allerdings der Flow einfach unterbrochen. Gut gelöst wurde das auf dem Kamelot-esquen Song “Insomnia”, auf dem das kurze Solo sich sehr gut in den Song einfügt oder auf “Answer / Sickness”, welches dann aber außerhalb des kompetenten Gitarrenparts am Anfang wieder nur relativ wenig zu bieten hat.

Solche Unsicherheiten im Songwriting finden sich über das Album verteilt immer und immer wieder. Es handelt sich hierbei zwar mittlerweile um das fünfte Album der Band, allerdings kriegt man trotzdem das Gefühl, dass die Musiker nicht genau wissen, in welche Richtung sie eigentlich gehen wollen. Die Mischung aus simplistischen Riffs, technischem Geschick, Breakdowns und Balladen bildet über die 46minütige Laufzeit einfach kein kohärentes Gesamtbild und hinterlässt auch bei mehrfachem Hören an vielen Stellen nicht viel mehr als ein Schulterzucken.

Auch textlich weiß “The Side Effects” nicht wirklich, in welche Richtung es gehen will. Da sind auf der einen Seite einige Tracks, die vage politisch sind aber auch traurige Breakup-Tracks, in denen die Abwesenheit einer geliebten Person lamentiert wird, was dafür sorgt, dass keines der Themenfelder mehr als oberflächlich behandelt wird.

Trotz all dieser Schwächen trifft die Band allerdings hier und da ins Schwarze. So hat zum Beispiel der Titeltrack eine sehr eingängige Hook und “January 1st” ist trotz dem Fakt, dass es sich um eine Ballade handelt (immer ein wenig kritisch), sehr gelungen. Sehr gelungen ist auch der Closer “Li(e)fe”, der zwar einen vergessbaren Text hat – es geht mal wieder darum, wie Smartphones unser Leben ruinieren – dafür stimmlich allerdings eine Dringlichkeit vermittelt, die schlicht Spaß macht.

Zu einem Coldrain-Fan bekehrt hat mich “The Side Effects” letztlich nicht. Dafür hält die Band in zu viele Sachen ihren Zeh rein, verpflichtet sich allerdings zu nichts. Das sorgt für eine Menge Filler-Tracks unter den paar Treffern. Dafür sitzen die Treffer dann allerdings echt gut und werden sich sicher gut in eine Live-Setlist einfügen.

Coldrain – The Side Effects

★★★★★★ (6/10)

Best Tracks: The Side Effects, January 1st, Li(e)fe

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