Out of Control Cover

REVIEW: Gideon – Out Of Control

Vor kurzem habe ich auf Reddit ein Subreddit entdeckt, das mir sehr gelegen kam. Dabei handelte es sich um r/mealtimevideos, in dem YouTube-Videos gepostet werden, die gut zum Anschauen sind, während eins nebenbei zu Abend isst. Also solche Videos, die zwar interessant sind, aber nicht interessant genug, um ungeteilte Aufmerksamkeit zu verlangen. Ähnliche Medien gibt es auch in anderer Form. So hat so ziemlich jeder Mensch eine “comfort food”-Serie, die nicht die volle Aufmerksamkeit verlangt, aber trotzdem spannend genug ist, um sich nicht zu langweilen, wenn man gerade mal wirklich hinschauen möchte.

Im Metalcore stellt es sich für mich so dar, dass ein Großteil der Alben, die veröffentlicht werden, in die Kategorie “comfort food” fallen. Musik also, die zwar objektiv gesehen nicht wirklich schlecht ist, aber auch nicht so gut, dass sie für ein wirklich mitreißendes Hörerlebnis sorgt. Das neue Vitja-Album zählt für mich beispielsweise dazu. Aber wie das mit comfort food eben so ist, hat jede_r ein paar Künstler, die trotz alledem mal angemacht werden, wenn eins sein Hirn abschalten möchte.

Gideon ist eine fünfköpfige Metalcore-Band aus Alabama, die es mittlerweile seit knapp zehn Jahren gibt. Die meiste Zeit davon habe ich die Band, zugegebenermaßen, als Standardware abgetan und ihr nicht mehr wirklich viel Aufmerksamkeit geschenkt. Als ich allerdings “Out Of Control” hörte, habe ich meine Meinung diesbezüglich zumindest leicht korrigiert. Denn auf ihrem neuen Album schafft es die Band, einer altbewährte Formel zumindest einen Hauch von frischem Wind zu geben.

Nach dem ziemlich sinnlosen Opener “welcome to S town” zeigt die Band ziemlich direkt Flagge: Runtergestimmtes Gitarrengechugge wechselt sich auf dem ersten richtigen Song “SLEEP” mit groovigen Two-Step-Parts mit ein paar Panikchords für das gewisse Extra ab. Dabei ist “SLEEP” eine der Nummern, die noch etwas direkter zur Sache kommen. Insgesamt zeigen Gideon auf “Out of Control” ziemlich genau zwei Modi: Einerseits eben das für den Pit geschriebene Brett, andererseits auch gerne mal etwas melancholischere Mitsing-Parts, die vom Ton her sehr stark an The Ghost Inside erinnern, so zur Schau gestellt auf dem dritten Song des Albums, “TAKE ME”. Nachdem wir nun also nach bereits zwei wirklichen Songs die Tiefe des Albums begriffen haben, bleibt die Frage: Funktioniert die Formel über ein ganzes Album hinweg?

Die kurze Antwort: Teilweise. Denn über die Pit-Sensibilitäten hinaus haben die Mosher aus den Südstaaten auch ein ziemlich gutes Gespür für groovige Riffs und eingängige, aber trotz alledem keineswegs poppige, Hooks. Nichtsdestotrotz ist die Formel doch etwas simpel, um durchweg zu begeistern. So verliert das Album nach den ersten paar Songs zunächst mal ein wenig an Dringlichkeit. So ist “2 CLOSE” nur deswegen auffällig, weil sich hier die sofort erkennbare Stimme von Drew York für ein Feature blicken lässt. Die folgenden Songs kombinieren dann spielerisch Elemente des Metalcore und des Nu Metal, wie sich das eben für das Revival-Jahr 2019 gehört. Dabei sind auch etwas ungelenke Rap-Beats und Gitarren, die klingen, als wären sie einmal über einen Turntable umgeleitet worden, mit von der Partie.

Mit Beginn der zweiten Hälfte fängt sich das Album dann wieder ein wenig und liefert mit “OUTLAW” einen geradezu infektiösen Song ab. Danach fällt die Qualität wieder etwas ab, hält jedoch ein durchaus unterhaltsames Baseline-Niveau bis zum Anfang des Closers “BITE DOWN”, bei dem die Gitarren nahezu zu einem perkussiven Instrument werden. Höhlenmenschen-Musik, wie sie im Buche steht und allein deshalb einen gewissen Unterhaltungswert besitzt.

Wo ich schon von Höhlenmenschen spreche: Lyrisch ist “Out Of Control” weit entfernt davon, weltbewegend zu sein. Um es in ein Adjektiv zu packen: Die Texte sind absolut oberflächlich, besitzen aber auch deswegen wiederum einen gewissen Unterhaltungswert. Und manchmal sind sie auch einfach so eingängig, dass sie sich in den Kopf einhämmern (“OUTLAW”!).

“Out Of Control” ist kein tiefgründiges Album. Aber für das, was es ist, macht es stellenweise eine Menge Spaß. Das liegt unter anderem daran, dass der Musik jedes bisschen Selbstreflexion fehlt und gerade durch diese fehlende Komplexität eine fast schon beruhigende Atmosphäre schafft. Für all diejenigen, die The Ghost Inside vermissen, ist Gideon somit eine sehr gute Anlaufstelle.

Out of Control Cover

Gideon – Out Of Control

★★★★★★★ (7/10)

Best Tracks: SLEEP, OUTLAW, BITE DOWN

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