Terraformer-Cover

Thank You Scientist – Terraformer

Viele Musiker, die seit längerer Zeit im Geschäft sind, haben entweder eine Menge Arbeit in ihr Handwerk gesteckt oder eine Menge Talent. Manchmal trifft beides zusammen, und wenn dann noch die Umstände richtig sind, können grandiose Werke geschaffen werden. Wer sich allerdings der Beherrschung seines Handwerks oder seines Talentes zu bewusst ist, der läuft Gefahr, ein sehr ausschweifendes und aufgeblasenes Pordukt abzuliefern. Insbesondere in allen Subgenres, die das Wort “Progressive” enthalten, trifft man oft solche Werke an.

Thank You Scientist sind eine Progressive Rock-Band aus New Jersey. Mit “Terraformer” liefern die Amerikaner nun ihr drittes Album ab. Und ich muss ganz ehrlich gestehen: Als ich gesehen habe, wie lang das Album ist (und unter Berücksichtigung des Genres, in dem wir uns bewegen), musste ich doch kurz schlucken. Stolze eineinhalb Stunden Beschallung beinhaltet “Terraformer”. Einige Songs kratzen an der 10-Minuten-Marke, “Everyday Ghosts” übersteigt diese sogar. Bei einer derartigen Länge ergeben sich mehrere Schwierigkeiten: Zunächst schafft es schlichtweg nicht jede Band, derart viel Material zu schreiben und dabei fokussiert zu bleiben. Bereits bei deutlich kürzeren Alben erlebe ich oft gegen Ende einen leichten Qualitätsabstieg. Und zweitens gehen, selbst wenn die Musik eine Menge guter Ideen enthält, diese bei einer derartigen Länge sehr schnell unter.

Das erstere Problem vermeiden Thank You Scientist geschickt, in dem sie eine sehr abwechslungsreiche Palette an Sounds bieten. Der Sänger Salvatore Marrano schmachtet in einer angenehmen Falsetto-Tonlage ins Mikrofon, die ein wenig an einen Tilian Pearson oder Anthony Green erinnern. Einige sehr eingängige Passagen sind da dabei, so zum Beispiel in der zweiten Hälfte von “Everyday Ghosts”. Allerdings nimmt sich die Band auch gerne die Zeit, instrumentale Ideen ohne gesangliche Untermalung auszubreiten. Und das beschränkt sich hier nicht auf die traditionellen Instrumente, die man von einer Rock-Band erwartet. So klingen hier unter anderem auch Saxophone, Trompeten, Violinen und Mandolinen mit dazu, die zwischendurch für ein bisschen frischen Wind sorgen können. Durch diese Vielseitigkeit schaffen Thank You Scientist ein durchweg angenehmes Hörerlebnis und gerade gegen Ende nimmt das Album mit dem sehr emotionalen “Anchor” und dem Titeltrack nochmal ein bisschen Fahrt auf, was einen insgesamt guten Eindruck hinterlässt.

Nichtsdestotrotz bleibt da noch das zweite Problem: Das Album ist, kurz gesagt, zu lang. So hat man gerade in der Mitte des Albums (mit “Chromology” und “Geronimo”, die beide relativ wenig Eindrücke hinterlassen) das Gefühl, dass das Ende nicht in Sicht ist. Dabei hilft es auch nicht, dass sich die Band wirklich auf jedem Track die Zeit nimmt, musikalische Ideen bis in die Tiefe gehend zu erforschen – und sich dabei teilweise einfach zu viel Zeit lässt, um meine aktive Aufmerksamkeit behalten zu können. Teilweise geht es hier gefährlich stark ins Territorium der masturbatorischen Selbstbeweihräucherung, die für Progressive-Genres sehr typisch ist. Ein wenig gerettet wird das durch die oben angesprochene Vielfalt an Instrumenten und den offensichtlichen Ideenreichtum der Band. Aber am Ende bleibt doch der Eindruck, dass das Album auch mindestens 20 Minuten kürzer hätte sein können ohne weniger beeindruckend zu sein.

Wer Progressive Rock super findet und seine Freude an experimentierbereiten Bands hat, wird mit “Terraformer” seinen Spaß haben. Trotz der monumentalen Laufzeit bietet die Band schließlich doch ein insgesamt spaßiges Gesamtpaket. Ich würde allerdings eher empfehlen, erstmal in einzelne Songs wie “Terraformer”, “Swarm” oder “Everyday Ghosts” reinzuhören – die an sich ja schon fast die Länge einiger EPs erreichen – ehe man sich ins komplette Album reinstürzt. Oder man macht es eben direkt als Hintergrundmusik an.

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