Artificial Void Cover

Unprocessed – Artificial Void

Als ich gestern auf der Release-Show des neuen Albums der Progressive Metal-Band Unprocessed war, ging mir mehrfach ein Gedanke durch den Kopf: Ich wünschte, ich könnte so spielen, wie die. Denn wenn die Wiesbadener eines können, dann ist das, das meiste aus ihren Instrumenten rauszuholen.

Aber das ist keine Live-Review, sondern es geht hier um die Studioproduktion “Artificial Void”, das zweite Album in zwei Jahren. Bereits vor einigen Wochen hatte ich im Podcast die ersten Singles des Albums besprochen, nun liegt das Gesamtwerk vor mir. Und da wird direkt im Opener “Prototype” gezeigt, worum es den fünf Musikern geht: Technisch anspruchsvoller, aber gleichzeitig atmosphärischer Prog Metal. Ziemlich schnell wird auch klar, dass die Band genau diese Spielart unheimlich gut kann. Für viele Bands wäre es schwierig, drei Gitarristen zu rechtfertigen, aber Unprocessed meistern das Zusammenspiel unheimlich gut. Und wo es bei atmosphärisch-verkopften Passagen den Saiteninstrumenten nochmal etwas mehr Freiheiten gibt, technische Verspielheiten einzubauen, da haben die Songs bei etwas direkteren Abschnitten wie dem Beginn von “The Movements, Their Echoes” doch einfach merklich mehr Wumms.

Zwar sind die Gitarren (und der Bass) offensichtlich der Hauptfokus auf “Artificial Void”, jedoch hat sich die Band, hier nochmal mehr als auf dem Vorgänger-Album, Mühe gegeben auch außerhalb der allseits präsenten Saiteninstrumente Atmosphäre aufzubauen. Das funktioniert unter anderem durch Synths, Chöre und Samples, die Songs gerne einleiten, aber auch mal zwischendurch etwas Tempo rausnehmen, um den Hörer ein wenig atmen zu lassen. Das funktioniert manchmal sehr gut, wie auf dem bereits vor Release als Single veröffentlichten “Abandoned”, das durch ein rhythmisch herausragendes Riff eingeleitet wird und zunächst durch ein Sample begleitet wird, das ein wenig an die elektronischen Experimente des neuen While She Sleeps-Albums erinnert – nur wird es hier nochmal um einiges konsequenter durchgesetzt.

Allerdings sorgt es auch stellenweise dafür, dass die Songs etwas aufgebläht wirken. Denn trotz aller Eingängigkeit fällt “Artificial Void” doch der typischen Prog-Krankheit zum Opfer, die ich bereits bei Thank You Scientist dieses Jahr zum bemängeln hatte: Das Album ist so vollgestopft mit Ideen, dass diese teilweise in der Flut untergehen und so Teile ihrer Durchschlagskraft einbußen. Insbesondere in der Mitte des Albums fällt es teilweise schwer, abseits der elektronischen Zwischenspiele in beispielsweise “Down The Spine” und der ein oder anderen eingängigen Zeile des Sängers und Songwriters Manuel Gardner Fernandes, die Aufmerksamkeit voll auf die Musik zu lenken. Das ist schade, denn man merkt der Band offensichtlich an, dass es an Songwriting-Talent nicht mangelt. Allerdings wünscht man sich doch, dass dem Ohr noch etwas mehr Abwechslung geboten wird. Das kann die Band ja offensichtlich auch, baut sie doch im großartigen “The Movements, Their Echoes” neben einem sehr aggressiven Beginn beispielsweise noch einen Chor ein, der dem ganzen noch einen etwas epischere Atmosphäre gibt und den Song – der das Ende des Albums markiert, “Closure” ist dann nur noch eine durch ein Piano getragenes Instrumental – nochmal einiges an Wiedererkennungswert. Der fehlt nämlich zum Beispiel in Songs wie “House of Waters” und “Antler’s Decay”. Dem Ganzen wird auch dadurch nicht geholfen, dass die meisten Songs sich eine Menge Zeit lassen, ihre Ideen zu entfalten. Die meisten Tracks sind viereinhalb Minuten und länger und selbst das eben angesprochene Instrumental-Outro kratzt an den vier Minuten. Hier wäre

Woran allerdings nichts zu bemängeln ist, ist die herausragende Produktion: Jedes Instrument ist kristallklar zu hören (ja, auch der Bass!) und auch die elektronischen Elemente sind sehr gut eingearbeitet und zwar hörbar, allerdings nehmen sie nie mehr Raum im Mix ein, als sie benötigen. Und auch Manuel Gardner Fernandes’ Gesang ist deutlich und gut abgemischt. Es handelt sich hier zwar nicht um ein Stimmwunder wie ein Anthony Green und so vielseitig wie ein Spencer Sotelo ist er auch, allerdings schafft er es trotzdem, durch seinen Gesang und seine Shouts eine sehr gute Atmosphäre aufzubauen. Und er spielt ja auch gleichzeitig noch die dritte Gitarre, was bei dem Niveau von Gitarrenspiel, was hier vertreten ist, ehrlich gesagt einfach beeindruckend ist.

Insgesamt ist “Artificial Void” ein ziemlicher Hörgenuss. Die Band ist gut aufeinander eingespielt und der Ideenreichtum, der hier gezeigt wird, ist phänomenal. Allerdings ist es hier, wie auf vielen anderen Prog-Alben so, dass die Ideen in der schieren Masse teilweise untergehen. Nichtsdestotrotz würde ich jedem, der auch nur ansatzweise etwas mit Prog zu tun hat, dieses Album sehr ans Herz legen.

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