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Warum Du Spotify deabonnieren solltest

In den letzten 20 Jahren hat sich einiges daran, wie wir Musik hören und entdecken, grundsätzlich verändert. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass die Veränderung grundlegender ist, als alles, was davor kam. Über den Lauf der Jahrzehnte ist Musik immer erreichbarer geworden, von der Erfindung der Schallplatte, über die Popularisierung von Kassetten und CDs, über digitale Distributionsplattformen wie iTunes in den frühen 2000ern. Mit der Ankunft des Internets ging die Distribution neuer Alben weg von einem physischen Medium hin zu Dateien, die entweder von offiziellen Online-Shops gekauft oder zwischen Nutzern hin- und hergeschoben werden konnten.

Ich werde euch in diesem Artikel allerdings nicht mit einem Abriss der Entwicklung der Musikindustrie langweilen. Dieses Thema wurde von anderen schon zur Genüge besprochen. Wer sich dafür interessiert, dem kann ich dieses Video von Finn McKenty ans Herz legen, in dem er erklärt, warum Streaming-Dienste so wichtig für die Musik-Industrie waren und sind.

Wir sind also mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem ein Großteil des alltäglichen Musik-Genusses über Dienste wie Spotify vonstatten geht. Wenn ich mich mit Freunden darüber unterhalte, wie sie Musik hören, gibt es kaum noch jemanden, der sich Alben über Distributionsplattformen wie Google Play oder iTunes kauft. Und auch physische Kopien der Alben wie CDs oder Schallplatten werden weniger aus praktischen Gründen gekauft, sondern meistens eher aus einer Sammler-Mentalität heraus – oder um die KünstlerInnen, die so viel Herzblut in ihre Werke stecken, direkt zu unterstützen. Denn da haben wir schon die Krux der ganzen Sache: Es hört zwar mittlerweile so gut wie jede Person ihre Musik über Streaming-Dienste wie Spotify oder Apple Music, allerdings ist es auch mittlerweile beinahe Teil des Allgemeinwissens, dass Streaming nicht sonderlich gut bezahlt wird. Besonders deutlich wurde das vor einigen Tagen durch einen Tweet von Nils Lofgren, Gitarrist für Bruce Springsteen und die E Street Band:

Die Daten, wie viel jeder Streaming-Dienst pro Play eines Songs bezahlt, schwanken. Und auch, wenn man genaue Zahlen liefern könnte, so käme es einerseits darauf an, wie genau man überhaupt auf der jeweiligen Plattform vertreten ist. Denn Majorlabels wie Universal oder Sony Music haben mit den jeweiligen Plattformen teils andere Verträge ausgehandelt und auch sonst spielen noch Faktoren wie Lizenzgebühren für Samples mit ein. Und andererseits kann man da auch nur Momentaufnahmen liefern, ändern sich doch die Raten mindestens jährlich, wenn nicht sogar mehrfach pro Jahr – meistens zu Ungunsten der Künstler und Labels.

Diese Entwicklung hat bei vielen Vertretern der Musikszene (hauptsächlich KünstlerInnen, die Labels sind da erstaunlich still) in den letzten Jahren für einiges an Frustration gesorgt. Teilweise haben da Künstler, wie unter anderem Pop-Ikone Taylor Swift, ihre Diskographie von den Plattformen runtergenommen und dafür geworben, die Alben doch über andere Kanäle zu kaufen. Die Progressive Metal-Band Tool hat beispielsweise bis letzte Woche gewartet, um ihre Diskographie auf Streaming-Diensten zur Verfügung zu stellen, auch wenn das laut eigener Aussage andere Gründe hatte.

Was all diese Aufbegehren nicht berücksichtigen ist, dass die Ankunft des Musik-Streamings einer sterbenden Musikindustrie wieder einiges an Leben eingehaucht hat. Im Jahr 2018 kamen 63% des Umsatzes von Streaming-Services wie Spotify und Apple Music. Und, wenn man die Zeit vor diesen Services betrachtet, war Piraterie ein Riesen-Problem. Ich möchte mich damit selbst nicht ausnehmen, habe ich doch bevor ich einen Spotify Premium-Zugang hatte auch das ein oder andere Album über Wege erlangt, deren Legalität mehr als zweifelhaft waren. Mittlerweile wüsste ich nicht mal mehr, wo ich einen Download-Link herbekommen sollte, wenn ich tatsächlich mal einen suche. Alles in allem würde ich das als positive Entwicklung bezeichnen.

Und nicht nur die Art, wie wir Musik konsumieren, sondern auch die Art, wie Musik geschrieben und veröffentlicht wird, hat sich durch Streaming grundlegend verändert. Konventionen wie die dreiminütige Länge von den meisten Pop-Songs werden aufgeweicht, da Spotify bereits nach 30 Sekunden die volle Rate ausbezahlt. Die Tracklists von Alben werden in die Länge gezogen, um mehr Streams zu generieren und es werden deutlich mehr Singles veröffentlicht, um einen Künstler für längere Zeit im Fokus des öffentlichen Auges zu behalten und um mehr Chancen zu erhalten, einen der begehrten Plätze in den von Spotify erstellten Playlists zu landen – diese sind mittlerweile ein nicht zu vernachlässigendes Marketing-Tool, um als Künstler Reichweite zu erhalten.

Insgesamt ist der Schluss, den man daraus ziehen kann, der folgende: Musik-Streaming ist mittlerweile ein integraler Teil der Musikindustrie und es wird auch in der absehbaren Zukunft so bleiben. Und es ist ja ein offenes Geheimnis, dass ein Großteil des Umsatzes einzelner KünstlerInnen vom Touren und Merch-Verkäufen kommt. So war allerdings schon vor der Ankunft von Spotify & Co – und erst recht in der Hochzeit der Musikpiraterie in den 2000ern – die Natur der Musikindustrie. Das heißt allerdings nicht, dass die Sorgen der KünstlerInnen bezüglich der Monetarisierung ihrer Werke unbegründet sind. Die Frage ist nur, was die KünstlerInnen selbst und auch wir als KonsumentInnen tun können, um eine faire Bezahlung zu garantieren.

Hier haben wir im Bereich des Musik-Streamings das Glück, dass der Zugang zu den Werken nicht monopolisiert ist. Im Bereich des visuellen Entertainment – namentlich der Film-Industrie – haben die meisten großen Studios die Konsequenz gezogen, ihre Filme und Serien von unabhängigen Streaming-Diensten abzuziehen und ihren eigenen Service anzubieten. Für mich als Konsumentin bedeutet das persönlich zwar nicht, dass ich jetzt mehrere Streaming-Dienste zum vollen Preis abonnieren werde, sondern treibt mich im Gegenteil eher wieder zurück in den Bereich der Piraterie, doch das ist ein anderes Thema.

Wer einen Streaming-Dienst für Musik abonniert hat, der wird in der Regel nicht noch einen zweiten zusätzlich buchen, um die gleichen Inhalte in einer anderen App zu hören. Und eben hier hat man als KonsumentIn die Wahl, einen Dienst zu wählen, der MusikerInnen fairere Raten ausbezahlt, als das beispielsweise Spotify tut.

Payout-Raten bekannter Streaming Dienste in den USA im Jahr 2017. Quelle: The Trichordist

Wie aus der obigen Grafik zu entnehmen, gibt es Dienste, die die Künstler pro Stream deutlich besser bezahlen, als es der Marktführer Spotify tut. Um genau zu sein: Alle Dienste außer YouTube Music und Pandora (welches in Deutschland ohnehin nicht verfügbar ist) zahlen bessere Raten, als Spotify. Und während sich die Raten in den letzten zwei Jahren zwar verändert haben, ist der Trend immer noch der gleiche: Spotify zahlt mit am schlechtesten. An der Spitze sind hier (ironischerweise) Napster, welches in der Grafik unter “Rhapsody” gelistet wird, und, was weniger überraschend ist, das vor ein paar Jahren von Rapper Jay-Z aufgekaufte Tidal. Xbox Music (auch unter Groove Music bekannt) wurde mittlerweile eingestellt, hat aber tatsächlich die besten Raten pro Play bezahlt, als es noch aktiv war. Auffällig ist hierbei, dass diejenigen Dienste, die nach einem “Freemium”-Prinzip funktionieren, also kostenlosen Zugang zur Musik-Bibliothek anbieten und dafür nur Shuffle-Play unterstützen oder zwischendurch Werbung schalten, generell schlechtere Raten haben als die, die nur gegen Bezahlung verfügbar sind. Wenig überraschend, aber ich wollte es zumindest mal angemerkt haben.

Als Konsumentin werde ich wahrscheinlich bald die Umstellung von Spotify auf einen der Dienste machen, die KünstlerInnen fairer ausbezahlen. Die meisten Dienste bieten ja Web-Apps und Applikationen für alle gängigen Smartphone-Betriebssysteme an, von daher ist die Umstellung nicht wirklich dramatisch. Und die meisten bieten auch, ebenso wie Spotify, ein Familien-Paket an, bei dem man bis zu sechs Personen für 15 Euro im Monat im Vertrag haben kann, was am Ende auf etwa 2,50€ pro Person hinausläuft. Wer also momentan noch den vollen Preis für Spotify bezahlt – oder einen Studierenden-Tarif gebucht hat – der kann mit der Umstellung eventuell sogar Geld sparen.

Bleibt noch die Frage: Was können KünstlerInnen tun, um ihre Existenz besser abzusichern? Auch da habe ich eine Idee. Die wird zwar nicht für jede_n KünstlerIn funktionieren, allerdings ist es für einige vielleicht zumindest eine Überlegung wert. Unter YouTuberInnen ist es ja mittlerweile Gang und Gäbe, dass man ab einer gewissen Größe Finanzierungsmöglichkeiten wie Patreon wahrnimmt, um neben der sehr instabilen Monetarisierung von YouTube ein Standbein und ein (halbwegs) sicheres Einkomen zu haben. Da eröffnet sich mir die Frage, warum nicht mehr KünstlerInnen exklusiven Content wie Q&A-Videos, Tour-Vlogs, Akustik-Versionen oder verfrühten Zugang zu Singles anbieten und dadurch ein bisschen die Kasse aufbessern? Wenn man sich die Größe der Fanbases einiger kreativ Schaffenden anschaut, würde sich so etwas doch regelrecht anbieten, um weniger abhängig von Touren zu sein. Und insbesondere in einer Zeit, in der eben durch Dienste wie Spotify die Bedeutung von Alben immer weiter abnimmt und viele KünstlerInnen regelmäßig Singles und Remixes veröffentlichen, würde eine derartige Monetarisierungsmöglichkeit doch quasi wie die Faust auf’s Auge passen.

Dieses Konzept ist bei Videoschaffenden zwar sehr beliebt, allerdings ist noch nicht erprobt, wie gut sich das auf MusikerInnen übertragen würde. Zumindest fände ich es allerdings spannend, wenn jemand es als Experiment mal ausprobieren würde.

Was ist also letztenendes die Konsequenz, die man als KonsumentIn ziehen sollte? Einerseits wäre das, die Künstler weiterhin überall zu unterstützen, wo es geht. Am Besten ist es dabei, wenn man zu Konzerten geht und dort Merch kauft – dabei landet nochmal etwas bei mehr den KünstlerInnen, als wenn man online oder über das Label shoppt. Andererseits wird es vielleicht Zeit, das eigene Spotify-Abonnement zu überdenken und einen Streaming-Anbieter zu wählen, der MusikerInnen besser ausbezahlt – Napster, Tidal oder Play Music beispielsweise. Der Unterschied, den man dabei macht, ist zwar gering, aber an den Gedanken haben wir als Lifestyle-Hipster uns in Zeiten des bewussten Konsums ja bereits gewöhnt.

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