While She Sleeps – SO WHAT?

Das erste Mal, das ich While She Sleeps live sah, war, als sie In Flames auf ihrer EU-Tour für “Siren Charms” supportet haben. Damals war “This Is The Six” noch das aktuelle Album. Am Tag danach haben sie “New World Torture” veröffentlicht und den Album-Zyklus für “Brainwashed” eingeleitet. Das Konzert war in der Jahrhunderthalle in Frankfurt und Sleeps haben als erste Band ein halbstündiges Set gespielt. Auf sie fol.gten Wovenwar, Papa Roach (ich weiß immer noch nicht, wie diese Band in der Tour gelandet ist) und natürlich In Flames. Der Großteil des Publikums bestand aus Metalheads, die In Flames wegen “Only For The Weak” sehen wollten. Metalcore wurde von ihnen maximal belächelt, die neuen In Flames-Alben waren ein Sakrileg gegen den Melodic Death-Sound, für den die Band bekannt geworden war. Mittlerweile sind In Flames bei ihrem vierten Album ohne Lead-Gitarristen und letztes Gründungsmitglied Jesper Strömblad.

Doch das hier ist eine Review zum neuen While She Sleeps-Album “So What?”. Warum rede ich hier über In Flames, fragt sich vielleicht der geneigte Leser? Nun ja, weil die fünf Sheffielder mit ihrem neuesten Album einiges von dem Sound abgelegt haben, den sie auf vorigen Alben zeigten. Was man hier hört, ist nicht mehr die Brutalität und das Riffing von “The Jester Race” oder “Clayman”, sondern die Hooks und vorhersehbaren Song-Strukturen von “Sounds of a Playground Fading” und “Siren Charms”.


Metalcore an sich ist ein Genre, das dauerhaft im Wandel begriffen ist. Die Tage, als Bands wie Killswitch Engage oder Avenged Sevenfold die größten Player in der Szene waren, sind längst vorbei. Und auch viele Bands, die zu den Hochzeiten der Popularität des Genres ganz vorne standen, haben entweder ihren Sound weichgespült (Parkway Drive) oder sich gleich ganz davon verabschiedet, alternative Musik zu machen (Bring Me The Horizon). Eine der letzten größeren Bands, die noch zu Metalcore als Genre halten, ist While She Sleeps. Doch auch hier bemerkt man mittlerweile Risse in der Wand und ein gewisses Element der Regression, das ich beim vierten Album einer Band nicht erwartet hatte. Auf “The North Stands For Nothing”, bis hin zur letzten Note von “Brainwashed”  war mir immer eine Sache wichtig an der Band: Neben dem herausragenden Songwriting waren auch die Texte immer eine angenehme Mischung aus Emotionalität und Verzweiflung ob der politischen Lage. Und auch, wenn die Band nie eklatant konkret wurde, hatten sie doch eine Hand dafür, Probleme auf eine Art anzusprechen, die bei mir für Resonanz bewirkten. Auch auf “You Are We”, welches bereits mit mehr Clean-Gesang und direkteren Song-Strukturen spielte, gab es trotzdem noch Songs wie “Wide Awake” und “Silence Speaks”, auf dem konkrete Probleme angesprochen wurden, ohne einen moralischen Zeigefinger zu erheben.

Die gute Nachricht ist: Der moralische Zeigefinger bleibt auch auf “So What?” aus. Dafür richtet sich das Album gleichzeitig an alle – und dadurch auch an niemanden im speziellen. Das zeigt sich bereits an der Lead-Single und dem Opener “Anti-Social”, auf dem Loz proklamiert, dass er Korruption Leid hat. Glückwunsch dazu, ich mag fragwürdige politische Praktiken auch nicht. Aber wo ist da der Biss? Wo ist da die Kritik? Wenn da ein sprichwörtlicher Elefant im Raum ist, dann benennt ihn doch, anstatt vage zu sagen, dass wir alle etwas verstecken würden. Wenn die ganze Welt in Unordnung ist – was ist dann eure Lösung dafür? Exemplarisch für das ganze Schlamassel ist meiner Ansicht nach die Zeile “We can see through the mask you hide beneath” auf “Set You Free”. Hier gibt es keine Message, das ist einfach nur ein Euro für’s Phrasenschwein. Mal ganz davon zu schweigen, dass einige lyrische Motive und teilweise auch Riffs schlicht recycelt werden.

Dem ganzen wird leider auch musikalisch nicht sonderlich geholfen. Was immer noch da ist, sind Sean Longs und Mat Welshs grundstabile Gitarrenleads und das (meiner Meinung nach unterschätzte) Drumming von Adam Savage. Jedoch zieht sich all das nicht durch das gesamte Album, sondern zeigt sich eher hier und da. Beispielsweise in “Elephant”, aus dem ich oben das lyrische Beispiel entnommen habe. Dieser ist in meinen Augen musikalisch der stärkste Song – und der, der noch am ehesten an das Sleeps erinnert, das ich kenne. Auch wenn hier eben der textliche Teil zu wünschen übrig lässt. Ansonsten experimentiert die Band allerdings auch mit elektronischen Parts wie auf “The Guilty Party” oder “Inspire”. Der Titeltrack “So What?” enthält als Catchphrase vor dem Breakdown auch ein schön eingearbeitetes Sample. Und auf “Back Of My Mind” hat sich sogar ein Rap-Part eingeschlichen, auch wenn dieser eher deplatziert wirkt und dem Song eher schadet als nutzt. Und auch “Set You Free” versucht sich Loz erstmals an Clean-Gesang. Sonst sieht es allerdings eher mau aus, was Kreativität angeht; ein Großteil der Songs gleicht das Fehlen von lyrischem Tiefgang mit Gangshouts aus. Diese haben Sleeps zwar schon immer in ihre Songs implementiert, allerdings nehmen sie auf “So What?” teilweise einfach überhand und gehen in einfach “whoa ohs” über, die live vielleicht funktionieren, aber auf Platte einfach ein Zeichen von schlechtem Songwriting sind.

Es tut mir wirklich weh, das zu sagen, da ich seit “This Is The Six” alles geliebt habe, was Sleeps veröffentlicht haben. Aber “So What?” klingt einfach nur noch wie weichgespülter Pop Metal á la In Flames. Es klingt wie Bring Me The Horizon, wenn sie nach “Sempiternal” noch Metalcore hätten schreiben wollen. Es klingt wie eine leicht kantigere Version von Parkway Drive. Und all das sind Vergleiche, die man vorher nicht anstellen konnte. Wenn mich jemand im “This Is The Six”-Zyklus gefragt hätte, was denn ähnlich klänge wie Sleeps, dann wäre ich ganz schön ins Stottern gekommen. Und obwohl der Sound an sich funktioniert und der Erfolg der Band irgendwo recht gibt, ist dies vielleicht der Punkt, an dem sich unsere Wege trennen.

Spread the love

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Related

From The Depths Of Dreams Cover

REVIEW: Senses Fail – From The Depths Of Dreams

Als Reviewerin kriege ich nicht oft die Gelegenheit, mich mit Veröffentlichungen auseinanderzusetzen, die bereits eine Weile her sind. Dafür kommt zu viel neue Musik raus, die besprochen werden will. Doch manchmal bringen Bands, die die Spitze ihrer Popularität schon länger überschritten haben, alte Alben nochmal neu raus, um die Nostalgie ihrer Fans anzustacheln. Dazu gehört […]

Spread the love
The Side Effects Cover

REVIEW: Coldrain – The Side Effects

Im Jahr des Herrn 2014 hatte ich ein Ticket für eine Europa-Tour von Bullet For My Valentine. Ich war schon damals kein sonderlich großer Fan der Waliser Band, allerdings waren While She Sleeps als Support angesagt, was ich mir nicht entgehen lassen konnte. Aufgrund von Loz’ erster Stimmband-OP mussten Sleeps allerdings absagen. Als Ersatz wurde […]

Spread the love